Leere – ein Tag ohne Gedanken

Ein Tag ohne Gedanken, gibt es sowas überhaupt? Sehr wahrscheinlich ist das in der heutigen Welt unmöglich geworden. Aber würden wir das schaffen, wenn man diese Zeit drastisch einschränkt? Also wenn der Tag nur eine Minute dauern würde. Wenn wir also bewusst auf ein paar winzige Zeiteinheiten hinweg nichts denken würden. Das Ausprobieren ist wirklich schwer und es klappt eigentlich nur, wenn man voll bei seiner Atmung, also bei sich selbst ist. Doch was für einen Zweck kann solch ein Verhalten haben? Oder ist es gar „zwecklos“? Ich habe diese Frage vor sehr vielen Jahren einem buddhistischen Mönch gestellt. Seine Antwort war so simpel, dass ich anfangs den Eindruck hatte, er will mich einfach nur auf den Arm nehmen. Er lächelte mich nämlich fast eine Ewigkeit an und sagte dann leise zu mir: „Probier es einfach wieder aus“! Weder sah mein Gesicht in diesem Augenblick vermutlich besonders geistreich aus, noch hatte ich wirklich kapiert, was er damit meinte. Zwei Tage lang habe ich mir sprichwörtlich das Gehirn zermartert, um heraus zu finden, was er mir damit eigentlich sagen wollte. Ich solle es wieder ausprobieren – also hatte ich es wohl schon einmal getan!? Und richtig, in dem Augenblick, da er vor mir stand und mich einfach nur anlächelte, war alles in mir ruhig und leer. Ich hatte in dieser knappen Minute keinen einzigen Gedanken in mir, nicht einmal den, warum er mich jetzt nur anlächelt oder warum er nichts sagt. Abschalten in einer Welt, die das scheinbar nicht zulässt. Dabei geht es nicht um diese Welt und dass sie an allem schuld ist. Es geht einen einzigen Augenblick lang nur um uns selbst. Mancher wird sagen, dass sei selbstsüchtig und pflichtvergessen, aber das stimmt nicht. Einmal am Tag nicht zu denken in einer tiefen entspannten Ruhe in uns selbst zu sein, macht uns zu Menschen, die klarer denken können und ein erhebliches Maß mehr an Achtsamkeit für andere zu empfinden als in jeder anderen Minute des Tages. Das sollte als Ausgleich genügen. Ich versetze mich seitdem immer wieder in diesen Augenblick von damals und entziehe mich mal kürzer und mal länger meinen Gedanken. Es ist heilsam und es fällt komischerweise leichter, wenn der Tag voll ist. Die Lust auf Leere in sich selbst und sie empfinden zu dürfen, ist zum puren Luxus in meinem Leben geworden.

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